"Haschisch" hat, besonders in der englischen und französischen Sprache, einen negativen Beiklang, der dem Hanfkraut und seinen Konsumenten ein schlechtes Image einträgt. Im Wort schwingt zugleich die etymologische Wurzel von "assassins" (Meuchelmörder), nämlich "Haschhaschyyin", übersetzt: die Haschischesser. Die "Assassinen", wie sie auch eigentlich genannt werden, waren schiitische Extremisten des Mittelalters, die im ägyptischen Reich um die Herrschaft kämpften und sich dazu des Mittels des politischen Attentats bedienten. Der Legende nach sollen sich die Attentäter vorher mit Haschisch berauscht haben, Grund genug, fortan Haschisch und Gewaltbereitschaft miteinander zu assoziieren. Daran konnten auch Hippiezeit und Flowerpower nicht groß etwas ändern.
Die Sekte von Alamut
Die Geschichte einer jahrhundertelangen Diffamierung begann 1094, als im ägyptischen Reich ein Machtstreit ausbrach und die ismailitische Dynastie, die bis dahin den Thron innehatte, durch ein Schisma gespalten wurde. Ein Putsch brachte den rechtmäßigen Thronfolger Nezar um den Thron. Er und seine Anhänger, die Nezari, verließen das Land und versuchten, aus dem Exil die Verhältnisse wieder umzukehren. Sie operierten von ihrem Stützpunkt aus, der nordiranischen Burg Alamut. Mangels militärischer Macht bedienten sie sich des politischen Attentats, um gegen die sunnitischen Herrscher vorzugehen. Zu ihren Gegnern zählten aber auch die Kreuzfahrer, die ihren Schreckensruf nach Europa trugen. Die Assassinen bekämpften sie in "moderner" Guerillamanier. Auch im fernen Abendland wurden ihnen diverse Anschläge angelastet. Nun nicht mehr in göttlichem Aufrag, sondern als professionelle Killer sollen sie bestellt worden sein, um politische Konkurrenten zu beseitigen.Wer waren die Assassinen? Eine religiöse Sekte, Söldner oder Figuren in einem gewissenlosen Machtspiel? Politische Programmatik und religiöser Fanatismus, getragen von göttlichem Sendungsbewußtsein, gingen bei den Assassinen Hand in Hand. Sie proklamierten einen Gottesstaat auf Erden, in dem es keinerlei Herrschaftsformen mehr geben sollte. Diese Ideologie verschaffte ihnen den Rückhalt in der Bevölkerung, aus der Generationen von Assassinen hervorgingen. Dabei spielte die Vorstellung von einer messianischen Erlöserfigur, die aus den Reihen der Nezari hervorging und das irdische Paradies brachte, eine große Rolle. Auf der Burg Alamut besaßen die Assassinen eine reiche Bibliothek programmatischer Schriften. Sie gingen größtenteils verloren, als 1523 die Tartaren der Assassinenkultur das Ende bereiteten. Die Nezari haben ihre ehemalige Bedeutung damit eingebüßt, als Terrorgruppe wie als geistige Bewegung. Nachfahren der Nezari haben sich jedoch im mittleren Osten bis heute gehalten. Ihr prominentester Vertreter ist der Aga Khan.
Haschisch als sakrale Droge
Haschisch, der Stoff, der die Phantasie auf das wildeste anregte. Auch Marco Polo berichtet von den Assassinen. Ihm verdankt das Abendland auch die Legende von einem mächtigen Mann auf Alamut, hinter dem sich eine historische Figur verbirgt: Hasan y Sabbah, Sektenführer und Oberhaupt des paramilitärischen Verbandes. Er hatte schon Jahre vor dem Schisma und der Vertreibung der Nezari die Festung okkupiert, die neben einer Reihe weiterer Kontrollpunkte die Hauptburg der Nezari blieb. Der Legende nach soll er seine Leute mit Haschisch "betäubt" (!) haben, bevor er sie auf die Burg brachte, wo sie erwachten. Im Rauschzustand waren sie willenlose Handlanger des Todes und führten jeden Mordauftrag aus, den Hasan y Sabbah ihnen erteilte. Dafür versprach er ihnen das Paradies. Soviel zur Mär von Haschisch als "aggressionsförderndes Betäubungsmittel".Die Theorie des Historikers Silvestre de Sacy unterstützt die Legende. Noch im Algerienkrieg soll das Haschisch die Attentäter des FLN in einen todesverachtenden Bewußtseinszustand versetzt haben. Anders hingegen die überlieferung der Nezari: danach hatten die Assassinen die Anweisung, bei einem Mordauftrag völlig abstinent zu sein, denn, so heißt es dort, das Haschisch mache sanft. Demnach ist aber unbestritten, daß auf der Burg Alamut und unter den Sektierern Haschisch konsumiert wurde, und zwar als "sakrale Droge". De Sacy spricht sogar von einer "Hostie der Assassinen", die ein Vorgeschmack auf das Paradies sein sollte.
Ob Haschisch überdies dazu ausgegeben wurde, die Sektenmitglieder bei Laune und vor allem bei der Stange zu halten, hüllt sich in den Rauch der Geschichte.